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Ein Zeitzeuge füllt mit 102 Jahren die Bühne: Walter Bingham zu Gast an der Reuchlin Realschule
In der Sporthalle der Reuchlin Realschule ist es mucksmäuschenstill. Neunt- und Zehntklässler sitzen dicht an dicht auf Bänken und Matten, kein Rascheln, kein Flüstern. Gebannt hören sie einem Mann zu, der 102 Jahre alt ist – und dessen Lebensgeschichte Geschichte greifbar macht: Walter Bingham, Holocaustüberlebender, ältester Journalist der Welt, Schauspieler und einer der letzten Zeitzeugen seiner Generation.
Wer befürchtet hatte, dem 102-jährigen würde ein solcher Vortrag schwerfallen, wurde schnell eines Besseren belehrt. Engagiert und hellwach trat er seinen jungen Zuhörern gegenüber „Ich könnte hier noch lange weiterreden, aber er lässt mich ja nicht“, sagt Bingham mit einem Augenzwinkern in Richtung seines Begleiters und Moderators, der ihn immer wieder zur Eile antrieb.
Geboren wurde er am 5. Januar 1924 in Karlsruhe als Wolfgang Billig. Seine Familie war jüdisch, doch in der Weimarer Republik spielte das zunächst keine Rolle. „Mit einem Schlag änderte sich die Stimmung“, erinnert sich Bingham. „Ich kam im Unterricht nicht mehr dran und musste allein hinten sitzen.“ Die schleichende Ausgrenzung wurde für den Jungen zur bitteren Realität.
Die Schülerinnen und Schüler hören aufmerksam zu, als er beschreibt, wie schnell Nachbarn, Mitschüler und Lehrer auf Distanz gingen. Was zuvor selbstverständlich war, wurde plötzlich unmöglich. Die Entrechtung jüdischer Bürger nahm ihren Lauf – und für viele bedeutete das den Tod.
Am 25. Juli 1939 verlässt der 15-Jährige Deutschland – allein. Großbritannien hatte zugesichert, 10.000 jüdische Kinder und Jugendliche aufzunehmen, ohne ihre Eltern. Es ist die letzte Rettung. Seine Mutter sieht er erst sieben Jahre später wieder. Den Vater nie mehr: Er stirbt 1943 im Warschauer Ghetto.
Aus Wolfgang Billig wird Walter Bingham. In England baut er sich ein neues Leben auf. Er wird Soldat, dient zunächst als Fahrer beim Roten Kreuz, später – nach dem Krieg – als Dokumentenexperte und Vernehmungsbeamter. In dieser Funktion sitzt ihm auch der ehemalige NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop gegenüber.
Bingham konfrontiert ihn mit den Judenmorden. Die Antwort Ribbentrops: Er habe davon erst aus der Zeitung erfahren. „Ich dachte, ist der bescheuert, was erzählt der mir für einen Quatsch“, sagt Bingham rückblickend – und in der Sporthalle geht ein leises, ungläubiges Raunen durch die Reihen.
Nach dem Krieg beginnt eine außergewöhnliche Karriere. Walter Bingham arbeitet für Zeitungen und den Rundfunk, wird Journalist aus Leidenschaft. Heute gilt er als ältester noch aktiver Journalist und Radiomoderator der Welt. Seine Sprache ist präzise, druckreif, seine Gedanken klar strukturiert. Man merkt: Das Erzählen ist sein Handwerk – und seine Mission.
Doch in dieser ganz besonderen Schulstunde geht es nicht um Rekorde oder spektakuläre Anekdoten. Es geht um Erinnerung. Darum, jungen Menschen zu vermitteln, wohin Ausgrenzung, Hass und Gleichgültigkeit führen können.

